[Rezension] – Abgründe: Wenn Menschen zu Mördern werden

Der Autor Wilfling und seine Abgründe

Authentisch bis zum geht nicht mehr. Das Buch „Abgründe – wenn aus Menschen Mördern werden“ von Josef Wilfling erzählt in kurzen Episoden aus dem Leben eines Ermittlers.  Nachdem Wilfling 2009 nach 42 Jahren Polizeidienst in Pension gegangen war, schrieb er bis heute drei Bücher über seine Fälle, die er als Ermittler verantwortete. Dabei kann er auf insgesamt 22 Jahre Erfahrungen als Leiter der Mordkommission zurückgreifen. Auch auf Erfolge: Er klärte als Starermittler und Verhörspezialist die durch die Öffentlichkeit verfolgten, medienwirksamen Mordfälle Sedlmayr und Moshammer auf. In seinen Fällen verhörte er Hunderte Kriminelle. Rund 100 Fälle von Mord und Totschlag bearbeitete er mit einer Aufklärungsquote von nahezu 100 Prozent. Daher wirken seine Erzählungen so authentisch.

Über das Buch

Das Buch ist als Taschenbuchausgabe, als E-Book und auch als Hörbuch erhältlich. Erschienen ist sein Buch 2010 im Heyne – Verlag. Die gebundene Ausgabe enthält rund 300 Seiten und kostet 16 Euro. Die e-Book-Version ist schon für 8 Euro zu haben.
Wilfling deckt in seinem Buch „Abgründe“ die spannendsten und erstaunlichsten seiner Fälle auf und geht der Frage nach, wie und warum Menschen zu Mördern werden. Doch er zeigt nicht nur, wo das Böse seinen Ursprung hat, sondern beantwortet auch Fragen wie: Töten Frauen anders als Männer? Wie verhält sich ein Unschuldiger? Woran erkennt man einen Lügner?
Sein Buch ist in Anlehnung an die sieben Todsünden aufgebaut. So beschreibt er zu jedem Mordmerkmal einen Fall. Dabei unterteilt er seine Fälle in Themen wie Grausamkeit, Heimtücke, Mordlust, Perversitäten, Verdeckung, Leichenzerstückelung, Wollust, Gemeingefährlichkeiten oder Habgier.
Abgründe - Wenn aus Menschen Mörder werden
Josef Wilfling – Abgründe

Über den Inhalt

Zu Beginn des Buches hatte ich auf den ersten Seiten den Eindruck, dass der Autor im Schreiben noch nicht geübt ist. Denn der Anfang wirkte auf mich etwas holprig geschrieben. Vor allem irritierten mich für mich zu lang geratene Bandwurmsätze wie beispielsweise: „Die unmittelbare Wohnungsnachbarin, eine ältere Dame, hatte liebevoll ihren Arm um Annabella W. gelegt, die auf einem Stuhl neben ihrer geöffneten Wohnung saß, eingehüllt in eine warme Wolldecke.“ Das ist einfach nicht der Stil, den ich gerne lese. Doch dieser Eindruck legte sich schnell. Alles in allem gewöhnte ich mich schnell an seinen Schreibstil. Bandwurmsätze waren in den weiteren Textseiten kaum mehr vorhanden oder sie brachten mich zumindest nicht aus dem Lesefluss.
Dafür irritierte mich an manchen Textstellen eine regelrechte Fragekasskade, wie beispielsweise im Kapitel „Habgier“ geschrieben:
Die erste in Höhe von 1000 Euro bereits am Mittwochmorgen um 6.00 Uhr, also am 17. Juli. Was sollte das? Warum sollte sie morgens um 6.00 Uhr Geld abheben, wenn sie doch 140 000 Euro Bargeld besaß? Und wo soll sie sich in dieser Woche aufgehalten haben? In ihrer Wohnung war sie jedenfalls nicht gewesen. Dort war ja seit ihrem Verschwinden pausenlos angerufen worden und nie wurde abgehoben. … War sie bei Thomas geblieben, in dessen winzig kleinem Appartement? Eine letzte Liebeswoche sozusagen? Oder hatte ein anderer das Geld abgehoben? Aber wie war diese(r) Unbekannte an die EC-Karte einschließlich der Geheimnummer gekommen? Oder war es doch Thomas? Oder doch ein Fremder?
Wilflinger versucht seine Fälle als neutraler Beobachter, als neutraler Ermittler zu erzählen. Doch sind für ihn die Abgründe so tief, dass er sich hin und wieder zu Kommentaren hinreißen lässt:
Und warum will man nicht erkannt werden? Weil man Dreck am Stecken hat. Warum denn sonst?
Diese Kommentare tun gut. Sie beleben die Fälle, sie erzeugen Spannung. Sie machen das Buch zu einem authentischem Werk. Der Leser merkt, wie wichtig es Wilfling während seiner Dienstzeit war, seine Fälle zu lösen.
Als Leser hat man auf jeden Fall das Gefühl, mittendrin zu sein. Man merkt schnell, was Wilfling mit seinem Buch bezweckt. Der Autor möchte Fälle darstellen, die das normale Maß sprengen. Beispielsweise wirft Wilfing die Frage auf, wie jemand auf die Idee kommen kann, seinem Opfer einen Besenstiel durch den Mund in den Hals zu rammen. Oder er erzählt von einem Polizeikollegen, der aus Habgier mit einer Axt zwei Menschen bei lebendigem Leib aus purer Habgier enthauptet hat. Anschließend war der Mörder zu seinem Betriebsausflug gegangen. Das sind genau die Fälle, die Wilfling unter Abgründe versteht.
Wilfling vergisst nicht darzustellen, mit welcher Überlegung und mit welchem Trick er es geschafft hat, die Mörder zu entlarven. Interessanterweise ist es für ihn nicht wichtig, Lügen und Widersprüche in Antworten zu finden, die die Verdächten bei Befragungen geben. Damit verfolgt er einen ganz anderen Ansatz als Phil Housten, dessen Buch „Erkenne den Lügner“ ich zuletzt rezensiert hatte. Wilfling beschreibt mehrfach, dass Beschuldigte entweder die Aussage verweigern oder sogar lügen dürfen. Da der Autor davon ausgeht, dass in jeder Lüge auch eine Halbwahrheit steckt, ist Wilfling auf für Lügen dankbar.
Schade allerdings, dass Wilfling einen Fall komplett ausblendet, obwohl dieser ungeheuer populär in den Medien berichtet wird: Den Fall der rechtsextremistischen Gruppierung “NSU” und die dazugehörige gerade angeklagte Beate Zschäpe. Ein Jahr nach Veröffentlichung seines Buches “Abgründe” wird Wilfling als Zeuge von einem Untersuchungsausschuss vernommen werden. Und Wilfling wird die Aussage machen, dass die Polizei und er als Verantwortlicher einfach nicht daran gedacht haben, dass es sich bei den Anschlägen der NSU um rechtsradikale Anschläge habe handeln können. Einfach nicht daran gedacht. Das wirkt auf mich äußerst befremdlich, zeigt er doch in seinem Buch, dass er durchaus in der Lage ist, an alles denken zu können.
Doch das Fehlen des Falles der “NSU” tut dem Buch keinen Abbruch. Ein lohnendes Buch für alle, die gerne den Nervenkitzel des reellen Bösen mögen. Es ist ein lohnenden Buch für alle, die gerne im Fernshen die Sendung “XY Ungelöst” schauen und es ist für alle lohnend, die gerne kurze spannende Kriminalgeschichten lieben. Ich persönlich freue mich schon darauf, sein zweites Buch “Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann” zu lesen.