Buchrezension: »Brennende Wahrheit«

Nach einer Pause wird es nun Zeit, wieder das Thema “Hegaukrimis” aufzugreifen. Diesmal in Form einer Rezension des Buches “Brennende Wahrheit” von Monika Küble. Das Interessante ist, dass es sich um einen historischen Krimi handelt, der in Radolfzell spielt. Viel Spaß beim Lesen.

Buchrezension: »Brennende Wahrheit«
Ein historischer Bodensee-Roman

Ist das neue Buch von Monika Küble nun ein historischer Roman, bei dem die Radolfzeller Geschichte im Mittelpunkt steht, eingebettet in eine nette Story? Oder handelt es sich eher um einen spannenden, unterhaltsamen Krimi? Diese Frage ist einfach zu beantworten: Monika Küble ist beides gelungen.

Die Autorin lässt den Leser zu Beginn der Story in das Jahr 1689 abtauchen. Dort verschwindet in Radolfzell ein Mädchen spurlos aus einem adeligen Haushalt. Die Schulmeisterin Eleonora Sernatinger schreibt daraufhin einen Brief an den Bischof von Konstanz, doch dieser kommt niemals an.

Binnen Sekunden ist der Leser in das mittelalterliche Radolfzell abgetaucht. Besonders anschaulich beschreibt küble in kurzen Worten und fast nebenbei das Aussehen und die Stimmung der damaligen Stadt und Leute. Und gerade das macht das Buch so interessant und lehrreich. Denn der Autorin gelingt es, auf seitenlange Beschreibungen zu verzichten, die den Fluss und Handlungsablauf stören könnten.

Unheimliche Begegnungen

»Wo soll ich sie hinbringen?«, fragte Theopont, während er den Sack mit der Leiche verschnürte.

»Das fragst du mich? Ich hab dich doch auch schon auf dem Friedhof gesehen, wo du den Totengräbern zur Hand gegangen bist! Bring sie dorthin. Zu Sankt Jakob.«
»Ich kann die Stadt in der Nacht nicht einfach verlassen«.
» Und auf der neuen Schanze? Dort wird gebaut, sie schütten die Wälle auf.« »Das ist auch außerhalb der Stadt.«
Der Schwarze wurde langsam ungeduldig. »Dann geh zum Kirchhof neben dem Münster.«
»Warum begrabt Ihr sie nicht einfach hier in Eurem Keller?«
»Bist du närrisch? Ich will doch keine Leiche im Keller haben!«

 Von solchen Szenenbeschreibungen lebt das Buch, lebendig, mit kleinen Streifzügen durch die Stadt.

 Die Story steht bei Küble immer im Vordergrund. Dass sie nebenbei Bilder von Personen erzeugt und dabei detailreich die damaligen Gebäude beschreibt, fällt kaum auf. Der Vergleich mit einer guten Küche drängt sich auf, bei dem die Gäste feststellen, dass das Essen richtig gut schmeckt, aber einzelne Zutaten nicht herausschmecken, weil die Zusammenstellung der Gewürze und sonstigen Zutaten miteinander harmoniert.

Die eigentliche Geschichte beginnt 200 Jahre später. Der nicht nur im Hegau berühmte Dichter Joseph Victor von Scheffel findet bei seinen Recherchen den Brief an den Bischof im Pfarrarchiv. Er ist fasziniert von der Geschichte und will einen historischen Roman daraus machen. Als nach einem Feuer die bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche einer jungen Frau auftaucht, ist Scheffel überzeugt, dass es sich um dieses Mädchen handelt. Doch in Radolfzell ist gerade ein Dienstmädchen unter ungeklärten Umständen verschwunden. Der Dichter Scheffel entwickelt nun einen detektivischen Spürsinn.

Mutige Wege

Die Autorin geht mutig neue Wege, um die Radolfzeller Geschichte lebendig zu machen. So beginnt im zweiten Teil des Buches jedes Kapitel mit einem Auszug aus der »Freien Stimme«, der damaligen Tageszeitung. Somit kennt der Leser das Datum, an dem sich die Geschichte gerade befindet. Er erfährt durch die kurzen Artikel und den Werbungen der damaligen Zeit den entsprechenden Zeitgeist. Interessant sind die Kleinanzeigen, die Küble auszugsweise veröffentlichte und diese in ihre Geschichte raffiniert einbaut. Oft kann man den Kleinanzeigen entnehmen, dass »ein ordentliches Mädchen, das in den häuslichen Arbeiten gewandt ist«, gegen guten Lohn gesucht wird. Küble wiederum beschreibt die Dorfgespräche, die sich darüber auslassen, dass »heutzutage« die jungen Mädchen viel lieber in die Fabriken der Allweiler und der Schiesser zum Arbeiten gehen.

Genau das macht es so interessant, auch die Kleinanzeigen und Zeitungsberichte zu studieren, auch wenn Sie unmittelbar mit der eigentlichen Romangeschichte nichts zu tun haben. Aber sie helfen, noch tiefer in die damalige Zeit abzutauchen.

Mutig ist die Autorin auch, weil Sie aus dem berühmten und schon damals äußerst erfolgreichen Dichter Joseph Victor von Scheffel einen Detektiv macht. Raffiniert stellt sie ihn so dar, dass sein historisches Erbe dabei nicht verfälscht wird. Scheffel ist und bleibt zweifelsohne ein Dichter.

Der Roman ist durchgehend spannend. Hin und wieder findet man Pointen, die zum Schmunzeln einladen. Allerdings geht es bei den toten Mädchen um persönliche Schicksale, die den Leser aufgrund treffend gut beschriebener Situationen betroffen machen.

Lebhafte Szenen

»Über dem Rad prangte am weißen Aufbau in goldenen Lettern der Schriftzug »Kaiser Wilhelm«. Aus dem Kamin quollen die schwarzen Rauchwolken des Kohlefeuers. Menschen standen an der Reling, ähnlich festlich gekleidet wie zuvor in den Booten. Die Damen hatten wegen des Fahrtwinds ihre Hüte mit Bändern unter dem Kinn vertäut, sie winkten mit weiß behandschuhten Händen zu Rosa und Zeno herüber oder hielten sich verlegen lachend die Hand vor den Mund, während einige Männer ihre Kopfbedeckungen zum Gruße schwangen mit eindeutigen Handbewegungen die Umstände kommentierten, in denen das Liebespaar ertappt worden war.

Rosa hielt sich mit beiden Händen an der Sitzbank fest, um nicht ins Wasser zu fallen. Sie war froh, als sie etwas Abstand gewonnen hatten. Ihr war die Situation peinlich, außerdem war es spät geworden. »Lass uns zurückfahren!« Zeno legte sich in s Zeug und brachte sin in weniger als einer halben Stunde an den Steg von Radolfzell zurück. Dort verabschiedeten sie sich mit einem letzten raschen Kuss, dann half er seinem Mädchen aus dem Boot. Es gab ihm einen Stich, dass er sie nun zwei Wochen lang nicht mehr sehen würde. Seufzend packte er den Korb mit Wein und Kuchen zusammen, die sie nicht angerührt hatten. Er tröstete sich damit, dass sie seinen Anhänger trug.«

Ungewöhnlicher Buchaufbau

Monika Küble beschreibt zwar im Nachspann des Romans den Dichter Viktor von Scheffel als humorbegabten, selbstironischen zärtlichen Liebenden, »der sein Leben lang die scheinbar hoffnungslose Liebe nicht aufgegeben hat und schließlich dafür belohnt wurde«. In der eigentlichen Geschichte lässt sie ihn allerdings nicht besonders humorvoll auftreten. Umso mehr erscheint er im Roman als freundliche, geachtete, von der Bevölkerung respektierte Person.

Küble veröffentlicht meist am Ende eines Kapitels Briefe von Scheffel an seine geliebte Cousine, bei der die zärtlichen liebenden Eigenschaften des Dichters anschaulich beschrieben werden.

Der Leser merkt schnell, dass er gerade einen Roman einer auf diesem Gebiet sehr professionellen Autorin verschlingt. Immerhin hat die Autorin neben Germanistik und Romanistik auch Kunstgeschichte studiert. Neben Publikationen zu oberschwäbischer Literatur und italienischer Architektur hat sie unter dem Pseudonym Helene Wiedergrün drei Oberschwabenkrimis geschrieben: »Der Tote in der Grube«, »Der arme schwarze Kater« und »Blutmadonna«. Gemeinsam mit Henry Gerlach hat sie den Konzilroman »In nomine diaboli« veröffentlicht sowie »Das Geheimnis der Ordensfrau«. Dabei ist sie sehr eng mit dem Gmeiner-Verlag verbunden.

Das Buch »Brennende Wahrheit« ist ebenfalls im Gmeiner-Verlag erschienen, als Taschenbuch rund 200 Seiten stark und kostet 15,00 Euro.

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