Bombenattentat in Singen

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»Großartige Präsentation. Meinen Glückwunsch.« Dr. Probst klopfte seiner Kollegin auf die Schulter. Sie war gerade dabei, Ihren Laptop in ihre Tasche zu verstauen, den sie speziell für den heutigen Vortrag aus Berlin mitgebracht hatte. Sie lächelte bescheiden. Die Besucher, geschätzte fünfzig an der Zahl, verließen langsam und träge den Vortragssaal, die Aula der Ekkehard-Realschule. Die meisten diskutierten beim Hinausgehen über das gerade Gehörte. Ein Vortragsbesucher gesellte sich zu den beiden.

»Ach, Frau Dr. Förster. Ein herrlicher, erfrischender Vortrag. Dass, was Sie vorhaben, wird unserer Stadt guttun.«
Wieder lächelte sie. »Natürlich. Sie werden sehen. Die gesamte Infrastruktur der Stadt Singen wird sich durch die Baumaßnahme nachhaltig positiv ändern. Davon bin ich fest überzeugt.«
Ein weiterer Besucher gesellte sich zu der Gruppe. »Na, genau davon bin ich nicht überzeugt. Der ganze Einzelhandel in der Innenstadt wird den Bach runter gehen.«
»Quatsch. Der gesamte Konstanzer Einzelhandel hat von der Seerhein-Shoppingmall profitiert, nachdem diese in Konstanz gebaut worden war. Das ist nachweisbar.«
Die Stimmen der beiden Kontrahenten wurden immer lauter. »Meine Herren, wir brauchen jetzt kein Pro und Contra diskutieren. Ich habe die Pläne und Vorstellungen von uns als Investor vorgestellt. Wir sind der Meinung, dass die Stadt Singen davon profitieren wird und die Pro- und Contra-Argumente dürfen Sie dann mit dem Gemeinderat führen. Darf ich fragen, wer Sie sind und welche Interessengruppen Sie vertreten?«
»Mein Name ist Christian Egger und ich bin der Sprecher der ›Retail Trade Organization‹ RTO. Also so etwas wie der Verband der Einzelhändler in der Nordstadt.«
»… und ist gegen alles, was Fortschritt bedeutet«, ergänzte der Zweite. „Mein Name ist übrigens Marcel Fink und ich bin der Sprecher des Einzelhandelsverbands Südwest«.
Frau Dr. Förster lachte. »Ach. Ich habe es mit zweierlei Einzelhandelsverbänden aus einer Stadt zu tun? Das ist neu für mich, das hatte ich noch nie.«
»Ja, aber ich bin auf Ihrer Seite, Frau Dr. Förster. Wir wollen eine Erneuerung der Stadt und eine neue Kultur.«
»Ihr wollt die Schweizer Kultur und sonst gar nichts, das heißt, auf deren Kultur könnt Ihr auch noch verzichten. Ihr wollt nur deren Franken. Zurzeit kommen die Schweizer wegen des Wechselkurses zum Einkaufen über die Grenze. Aber das wird nicht von Dauer sein. Und dass durch dieses riesige Einkaufszentrum die Geschäfte und der Einzelhandel in der Nordstadt zugrunde geht, ist Euch doch allen egal.«
Die Stimme von Egger überschlug sich förmlich vor Zorn. Die Förster versuchte, das hitzige Gemüt von Egger zu beschwichtigen: »Wir als Investor tragen eine besondere Verantwortung. Meinen Sie wirklich, dass wir ein Interesse daran haben, dass man uns nachsagt, wir würden verbrannte Erde hinterlassen? Unser Konzept ist selbstverständlich auf die gesamte Infrastruktur der Stadt und der gesamten Region abgestimmt. Natürlich wollen wir …«
Die Förster wurde abrupt unterbrochen. Der Hausmeister der Ekkehard-Realschule kam hereingestürmt. »Habt ihr das schon mitgekriegt? Am Bahnhof ist was passiert. Ein Bombenanschlag, oder so. Genau bei dem Areal, das ihr sowieso abreißen wollt.«
Die drei erschraken. »Oh, mein Gott, gab es Verletzte?«
Frau Dr. Förster und die anderen beiden waren sichtlich schockiert. »Ich weiß auch nichts Genaues«, antwortete der Hausmeister.
»Ich habe meinen Wagen direkt vor der Türe geparkt. Wenn Sie wollen, können wir gemeinsam hinfahren«, bot Fink der Gruppe an. »Lohnt sich das, mit dem Auto dahin zu fahren? Weit ist es nicht, es wäre zu Fuß in zehn Minuten machbar. Parkplätze gibt es dort auch nie und jetzt ist wahrscheinlich sowieso alles abgesperrt«, warf Egger ein.
»Das ist genau das, was ich meine, Frau Dr. Förster. Der Egger sieht grundsätzlich alles negativ. Aber wegen mir können wir auch zu Fuß gehen. Ich hab’s ja nur gut gemeint.«
»Einverstanden.«

***

Florian wollte mit seiner Frau Sabine ins Kino. Beide waren bereits auf dem Sprung, als Florians Diensthandy klingelte. »Guten Abend, Herr Horn. Ich bin’s. Claudia. Claudia Martin von der Einsatzzentrale. Wir haben ja lange nichts mehr voneinander gehört. Wie geht es Ihnen?«
Florian zauderte, bevor er seiner flirtenden Kollegin antwortete: »Noch gut. Ich hoffe, das ändert sich jetzt nicht?«
»Mmh, vielleicht doch. Ich hoffe, Sie hatten nichts vor. Denn Sie sollten zum Bahnhof fahren. Dort, wo das neue Einkaufszentrum geplant ist. In dem Areal gab es gerade einen Bombenanschlag.«
»Ach du meine Güte. Gab es Tote oder Verletzte?«
Die Martin kicherte. »Es gab weder Tote noch Verletzte. Das heißt, der Attentäter hat sich verletzt. Er hatte die Bombe in einem Rucksack, und dieser explodierte nicht, sondern fing viel zu früh zu brennen an. Jetzt hat der Attentäter Verbrennungen am Rücken; das ist alles, was passiert ist. Sie sollten aber trotzdem hin und sich alles anschauen. Der Attentäter wird derzeit vor Ort medizinisch versorgt. Alles wartet nun auf Sie, Herr Kommissar. Beeilen Sie sich. Die anderen Kollegen warten auf ihren Feierabend.«
Florian lachte zwar schwach in den Hörer hinein, aber eigentlich fand er die Situation gar nicht witzig. Als er den Hörer auflegte, sah er, dass ihn Sabine besorgt anschaute. »Tja, ich muss noch mal weg. Tut mir leid.«

Sabine kannte das schon und sie redete sich ein, sich daran gewöhnt zu haben. Was sollte sie auch tun? Immerhin arbeitete sie auch für die Polizei. Zwar nicht wie Florian als Kommissarin fest angestellt, aber als freie Mitarbeiterin, die im Auftrag der Polizei psychologische Gutachten erstellt. Daher zuckte sie nur mit den Schultern und sagte nichts. Florian hatte sich inzwischen eine leichte Weste angezogen und war aus der Wohnung gestürmt. Zügig lief er zu seinem Auto und fuhr Richtung Bahnhof. Weit war es ja nicht von seiner Wohnung in der Widerholdstraße. Er nahm sich wie so oft vor, zukünftig mehr mit dem Fahrrad zu fahren. Mit dem Auto hatte er in der Innenstadt grundsätzlich ein Parkproblem. Auch wenn er dank der Sonderparkberechtigung überall halten durfte; mitten auf der Straße konnte er dann auch nicht stehen bleiben. Am Bahnhofsareal angekommen sah er schon die Streifenwagen seiner Kollegen. Er parkte seinen Wagen an einer Haltebucht, die eigentlich den Taxis vorbehalten waren. Schnell lief über die Hauptverkehrsstraße zu der rot-weißen Absperrung, die den Tatort kennzeichneten. Vor der Absperrung standen mehrere uniformierte Kollegen, die dafür sorgten, dass nicht zu viele Neugierige zu nahe kamen. Hinter der Absperrung stand mitten auf der Fußgängerzone ein Krankentransporter mit eingeschaltetem Blaulicht. Die Hecktüren standen offen. Florian konnte mehrere Menschen darin sehen. Zwei Personen hatten die typischen Sicherheitsklamotten von Sanitätern an. Eine Person trug eine extrem leuchtend gelbe Jacke. Florian vermutete, dass das der Notarzt war, dessen Wagen ebenfalls mit eingeschaltetem Blaulicht danebenstand. Außer, dass eine Person auf der Krankenbahre lag, konnte Florian nichts Näheres erkennen. Zumindest nicht von außen. Er schaute sich kurz um, konnte aber nichts Besonderes erkennen. Gebäude waren jedenfalls keine beschädigt. Neben dem Krankentransporter befanden sich zwei Kollegen in Uniform. Eine Polizistin kam auf ihn zu. Dabei grinste sie von einem Ohr zum anderen. »Hallo Mathilde. Na, führst du mal wieder den Einsatz hier?«, fragte Florian.
Mathilde war eine Polizistin der ›alten Garde‹ und Florian schätzte sie sehr. Meistens war sie es, die die Sondereinsätze leitete. »Ja. So was Dämliches erlebt man nicht alle Tage. Da will doch der Typ in einem Rucksack eine Bombe abstellen. Doch der fängt einfach Feuer und verbrennt dem Kerl den Rücken. Passanten haben dann geholfen, den Rucksack abzustreifen. Zum Glück ist der nicht explodiert.«
»Ist das ein Islamist?«
Mathilde zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aussehen tut er wie ein Europäer. Du kannst ja versuchen, das herauszufinden. Der Typ liegt da drinnen«, sagte sie und zeigte mit ihrem Daumen rückwärts auf den Krankentransporter.
»Ich rede später mit ihm. Wo ist der Rucksack?«
Mathilde zeigte nach hinten. Florian konnte auf dem Boden liegend ein schwarzes verkohltes Etwas liegen sehen. Nochmals betrachtete er sich die Gebäude. Rechts befand sich ein Bau mit einer Bistrokette im Erdgeschoss, und nebenan ein Schuhgeschäft. Beide Läden waren in der Regel nicht stark frequentiert. Links neben der Fußgängerzone befand sich ein großes Kaufhaus. Wäre hier die Bombe hochgegangen, hätte sie weitaus größeren Schaden zufügen können, denn das Kaufhaus war in der Regel stets gut besucht. Florian wusste, dass es derzeit zur Diskussion stand, sowohl die Gebäude rechts als auch links der Fußgängerzone abzureißen. Ein Berliner Investor plante dort den Bau einer riesige Shopping-Mall. Der Bereich der Fußgängerzone wäre dann kurzerhand mit dieser riesigen Shopping-Mall überbaut. »Ganz schön raffiniert«, dache Florian. Alle, die mit der Bahn anreisen, müssen dann durch die Shopping-Mall, um in die Innenstadt zu gelangen. Oder sie würden einen riesigen Umweg in Kauf nehmen müssen. Das Projekt stand noch in der Anfangsphase der Überlegungen und Florian war in dieser Beziehung recht emotionslos. Auf der einen Seite verstand er die Bedenken der Einzelhändler in der Innenstadt, andererseits war er auch davon überzeugt, dass die Stadt neue Impulse benötigte. Die umliegenden Städte schliefen auch nicht, und die einstige Einkaufsstadt Singen war schon lange kein Einkaufsparadies mehr. Und abends um sechs musste man aufpassen, dass man noch rechtzeitig vom Gehweg herunter kam, wenn dieser hochgeklappt wurde.
Er lief zum Krankenwagen. Mathilde König war schon längst wieder davongelaufen. Sie würde sich nun um die Protokolle kümmern.
Neben dem Krankenwagen stand ein Polizist und hielt Wache. Im Wagen befanden sich die beiden Sanitäter, die gelangweilt an den Einbauschränken im Wagen lehnten. Auf der Krankenliege in der Mitte des Fahrzeuges lag ein Mann auf dem Bauch. Das Oberteil war ausgezogen und Florian konnte den Rücken des Mannes bewundern. Es brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Schmerzen der Mann haben musste. Sein Rücken war krebsrot, zum Teil blätterte die Haut ab. Schwarze verkohlte Ränder rahmten abstehende Hautfetzen ein. Kein schöner Anblick. Er lief um den Mann herum, um an das Kopfende zu gelangen. Dabei konnte er sehen, dass der Mann an beiden Armen und am Hals tätowiert war. Am Hals meinte er, in dem Bild so etwas wie ein Schlagring erkennen zu können. Er war sich allerdings nicht sicher und betrachtete daher das Tattoo automatisch etwas länger. Schließlich riss er sich davon los und sagte: »Guten Tag. Mein Name ist Horn. Was ist passiert?«
Mit dieser Frage wollte er ausschließen, dass er jemanden des Terrors verdächtigte, der dann behauptete, jemand hätte Sprengstoff in seinen Rucksack geschmuggelt. Der Mann hob vorsichtig den Kopf. Schmerzverzerrt stotterte er: »Nichts ist passiert. Mir geht’s gut.«
Florian wartete kurz, ob noch eine etwas ausführlichere Antwort käme. Dann fragte er: »Wollten Sie einen Bombenanschlag verüben?«
Der Mann senkte seinen Kopf und drehte ihn zur Seite. »Nein, ich wollte Blumen pflücken gehen.«
»Wie heißen Sie?«
»Benjamin Blümchen.«
Florian sah aus dem Wagen heraus nach draußen. Seine Kollegen hatten gerade den verkohlten Rucksack in der Hand, hielten ihn in die Höhe, um ihn zu begutachten. Danach wurde er vorsichtig in eine große Plastiktüte gesteckt und weggeräumt. »Wir beide kommen so nicht weiter«, meinte schließlich Florian und wandte sich den Sanitätern zu?
»Erhält er Schmerzmittel?«
Der eine Sanitäter lachte. »Mann, das Stück Mensch wird gerade mit dem besten Morphiumderivat vollgepumpt, das wir haben.«
Folglich würde seine Aussage keinen Bestand haben können, auch wenn zweckmäßigerweise gerade Zeugen anwesend waren. Florian hatte diese Erfahrung schon einmal machen müssen: Eine Zeugenaussage war nichts Wert gewesen, weil die gute Frau damals unter Medikamenteneinfluss gestanden hatte.
Die dringlichste Frage, die Florian unter den Nägeln brannte, war, ob er nun einen Terroristen vor sich hatte oder nicht. Wenn das ein terroristischer Anschlag gewesen sein sollte, musste Florian auf jeden Fall vermeiden, dass der Typ behauptet, dass ihm die Bombe untergeschoben worden war. Die ersten Reaktionen deuteten darauf hin, dass er durchaus gewusst hatte, dass sich eine Bombe in seinem Rucksack befunden hatte. »Haben wir von ihm irgendwelche Papiere?«, fragte er den Kollegen vor dem Krankentransporter.
Dieser schüttelte nur mit dem Kopf. »Also gut. Verfrachtet ihn ins Krankenhaus. Er muss streng bewacht werden. Heute kommen wir nicht weiter. Ich werde ihn dann morgen besuchen kommen.«
Er verabschiedete sich noch von Mathilde und fuhr weiter zum Polizeirevier. Der Abend war sowieso gelaufen, da konnte er sich wenigstens gleich um den nun zu erledigenden Papierkram kümmern. Außerdem wollte er schon einmal prüfen, ob er die Identität des Mannes herausbekam. Im Polizeirevier war das Erdgeschoss trotz der späten Uhrzeit mit Kollegen besetzt. Sein Büro befand sich in der zweiten Etage. Dort war alles dunkel. Nachdem er erst einmal die Lichter eingeschaltet hatte, setzte er sich an seinen Computer und öffnete das Programm XPool. XPool war eine Datenbank, in der alle Vergehen und Personen gespeichert wurden. Er begann, eine Beschreibung des Mannes einzugeben und wurde schnell fündig, denn der Typ war bereits aktenkundig. Dank seines Tattoos am Hals war die Zuordnung für Florian kein Problem gewesen. Es sollte tatsächlich ein Schlagring darstellen. Vorbestraft war der Bombenleger wegen Drogenhandel, Schlägereien und Erpressung. Sein Name war … »Mist. So was Kompliziertes«, sagte Florian laut. Dann öffnete er eine neue digitale Akte und übertrug nun den Namen mit der Zwischenablage des Computers: Przemek Czarnecki, wohnhaft in 34277 Fuldabrück, also ein ganz schönes Stück weit weg. Trotz seines Namens hatte er eine deutsche Staatsbürgerschaft. Czarnecki war in der Vergangenheit noch nie aufgefallen gewesen, dass er wegen ideologischen, politischen oder religiösen Ansichten ausfällig gewesen war. Es war bei seinen Gesetzesübertritte stets nur um Geld gegangen. Ausschließlich immer nur um Geld. Florian setzte ein Infoschreiben auf, indem er alle per E-Mail informierte, dass er den Mann identifiziert hatte. Anschließend fuhr er wieder nach Hause zu Sabine, die sogar noch auf ihn wartete. Es war zwar zu spät, um sie auszuführen, aber nicht, um zusammen eine schöne Nacht zu haben.

***

Am nächsten Tag sollte dieser Vorfall überall in der ganzen Stadt heiß diskutiert werden; in der Presse, im Rathaus, auf dem Polizeirevier, sogar der Landrat würde im Laufe des Tages nach Singen kommen, um in Begleitung mit der Presse mit dem Oberbürgermeister über den Bombenleger zu diskutieren.
Florian fuhr am Morgen als erstes ins städtische Krankenhaus, um den mutmaßlichen Bombenleger zu befragen. Doch Czarnecki lag im künstlichen Koma. Die Ärzte vermuteten, dass sich daran die nächsten drei Tage nichts ändern würde. Also zog er unverrichteter Dinge wieder ab und fuhr auf dem direkten Weg zur Polizeiwache. Um in sein Büro zu gelangen, musste er an dem Büro seines Chefs, Kühne vorbei. Kühne hatte wie immer seine Bürotür offen, und als Florian daran vorbei lief, kam ein: »Horn? Reinkommen!«, aus dem Büro heraus gebrüllt. Florian kannte diesen Ton. Ihm blieb nichts anders übrig, als zu seinem Chef hinein zu gehen. Florian arbeitete eigentlich an einem ganz anderen Fall; und bei diesem Fall kam er bei seinem Chef gar nicht gut weg. Kühne war bei diesem anderen Fall über das Vorgehen von Florian sehr verärgert gewesen, doch Florian hatte ihm die Hintergründe für sein Handeln nicht erklären können; die Situation war zu verzwickt gewesen. Deswegen musste er im Moment damit leben, dass er bei Kühne in Ungnade gefallen war. »Guten Morgen«, grüßte Florian.
Kühne schaute ihn trocken an. »Fertig gefrühstückt?«, fragte er zynisch.
»Ich war im Krankenhaus zur Zeugenbefragung.«
Der Südbote auf Kühnes Schreibtisch sah Florian anklagend an. Die fette Überschrift ließ auf einen spektakulären Anschlag schließen. »Was war heute Nacht los?«, fragte Kühne.
»Nicht viel. Jemand wollte eine Bombe am Einkaufsareal gegenüber vom Bahnhof ablegen; doch das Ding fackelte rechtzeitig ab. Dummerweise fackelte das Ding so früh ab, dass es dem Attentäter seinen Rücken verkokelte. Wie heißt es so schön? Messer, Gabel, Schere, Licht, ist für kleine Kinder nicht.«
»Sparen Sie sich diese Sprüche für Ihre Tochter. Und wenn das witzig gewesen sein soll, können Sie sich ja als Comedian bei RTL versuchen. Was ergab die Zeugenbefragung?«
»Nichts, der Mann liegt im künstlichen Koma.«
»Und Sie sind extra hingefahren? Das ist doch klar, dass jemand mit solchen Verbrennungen im künstlichen Koma liegt.«
»Wenn Sie daran gedacht hätten, hätten Sie nicht nach dem Befragungsergebnis gefragt«, antwortete Florian. Kühne antwortete auf den Gegenangriff nicht und starrte Florian feindselig an. Dann schlug er mit der flachen Hand auf den Südboten. »Und wieso erfahre ich alles erst aus der Presse?«, fragte er wütend.
Florian war genervt. »Erstens: Ich habe heute Nacht noch alle Erkenntnisse zusammengetragen und habe dann alle per E-Mail informiert, auch Sie, und zweitens: Ich wollte Sie jetzt wirklich nicht wegen eines brennenden Rucksacks in der Nacht aufwecken.« Wieder starrte Kühne Florian an und schwieg. Florian drehte sich um und verließ das Büro. Kühne ließ ihn gehen. Als Nächstes lief er in sein eigenes Büro, um zu telefonieren. Ein kurzer Blick in das interne Telefonverzeichnis, und er wählte die direkte Durchwahl des offiziellen Pressesprechers. »Horn hier von der Dienststelle in Singen. Ich habe Euch heute Nacht eine Meldung geschickt; von einem brennenden Rucksack. Was habt ihr denn davon der Presse weiter gegeben?«
»Ich habe den Bericht im Südboten auch gelesen, Herr Horn. Aber außer, dass er etwas aufreißerisch geschrieben ist, entspricht er doch weitgehend den Tatsachen. Es wurden keine Unwahrheiten berichtet. Da können wir auch nichts machen. Übrigens: Dienstbeginn ist bei mir um acht Uhr. Ihre Meldung liegt noch bei mir auf dem Schreibtisch und ich werde erst dann etwas damit machen, wenn mich die Presse offiziell anfrägt. Die Information, die die Presse hat, stammt also nicht von uns.«
»Das ist ja interessant. Könnten Sie herausfinden, woher die Zeitung diese Information hat?«
»Mmh, höchstens über den Journalisten selbst. Ich kann für Sie erfragen, wer den Artikel verfasst hat. Dann sind aber Sie wieder am Zug, Herr Horn. Ich gebe Ihnen den Namen per E-Mail durch.«
»Danke. Das brauchen Sie nicht. Das schaffe ich dann auch noch alleine.«
»Wie Sie wollen.«
Florian legte nachdenklich den Hörer auf. Er fand es seltsam, dass die Presse aus dem brennenden Rucksack einen solch aufreißerischen Artikel gemacht hatte. Immerhin konnte noch niemand bestätigen, dass es sich tatsächlich um einen Bombenanschlag gehandelt hatte. Florian stand auf, um sich an dem Kaffeeautomaten einen Kaffee zu holen. Er brauchte jetzt viel Aroma, um sein Gehirn zum Nachdenken anzuregen.

***

Florian war mit sich zufrieden. Er hatte nun ziemlich viele Informationen über den Bombenleger zusammen, die Zeugenbefragung war abgeschlossen. Allerdings hatte diese keinerlei neue Erkenntnisse gebracht. Rund um das Umfeld von Czarnecki hatte er alles abgeklopft. Seine in Singen wohnende Familie bestätigte, dass er manchmal zu Gewalt neigen würde. Aber als Bombenleger könnten sie ihn sich nicht vorstellen. Und als Islamist auch nicht. Auch durchforstete Florian die Straftäterdatenbank. Dabei stellte sich heraus, dass Czarnecki zwar nicht vorbestraft, aber dennoch aktenkundig war. Das eine oder andere Mal war Czarnecki in Schlägereien beteiligt gewesen.

Florian begann auch, sich Informationen über das Areal zu beschaffen, in dem die Bombe hätte hochgehen sollen. Natürlich war zurzeit das Areal in großer Diskussion, denn es sollte großflächig abgerissen werden, um ein neues riesiges noch nie da gewesenes Einkaufszentrum bauen zu können. Das Einkaufszentrum sollte den Plänen nach noch viel größer werden als das von Konstanz. Und das war verdammt groß. Das Größte der ganzen Region. Die regionale Schlacht um die beste Einkaufsstadt hatte begonnen. In Singen war es ein Berliner Großinvestor, der das Gelände abreißen und ein neues Einkaufszentrum errichten wollte. Das Projekt war heftig in der Öffentlichkeit diskutiert, da das jetzige Areal in die Jahre gekommen und verwahrlost war. Etwas Neues und Schönes wäre durchaus angebracht. Die Einzelhändler in Singen waren gegen das Projekt, sie befürchteten, dass alle nur noch in das große Einkaufszentrum shoppen gehen wollten. Nach Ansicht derer nahte der Untergang des Einzelhandels in der City.

Der Oberbürgermeister wiederum war für das Projekt, da er einen Aufschwung für Singen erhoffte. Florian konnte nicht erkennen, weshalb nun das Areal mit einem Bombenanschlag in Verbindung stehen sollte. Er recherchierte nach einem historischen Datum, an dem hergeleitet werden könnte, weshalb an diesem Tag ein fanatischer Bombenleger ein Attentat hätte verüben wollen. Oftmals werden Anschläge an irgendwelchen Jahrestagen aufgrund bestimmter Ereignisse in der Vergangenheit durchgeführt. Florian prüfte grob Geschichtsdaten, war sich aber durchaus bewusst, dass er dafür einen Historiker zu Rate ziehen müsste. Auch dieser Weg führte daher in die Sackgasse. Vielleicht stand ja der Bombenanschlag doch im Zusammenhang mit einem extremistischen Islamisten. Er öffnete am Computer die XPool-Terroristendatenbank und staunte nicht schlecht, als er darin seinen alten Bekannten Czarnecki fand. Der Verfassungsschutz hatte zwar keine Beweise gegen Czarnecki gefunden gehabt. Aber es war abgespeichert worden, dass er sich letztes Jahr über drei Monate in Syrien aufgehalten hatte. Das reichte aus, um ihn als Verdächtigen in der Terrordatenbank zu speichern. Es war auch gespeichert, dass der Verfassungsschutz keine Beweise dafür finden konnte, dass Czarnecki in Syrien Kampferfahrungen gesammelt hatte. Auch eine Ausbildung zum Bombenbau konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Trotz der ernsten Situation musste Florian grinsen. Ein Spezialist im Bombenbau war er offensichtlich nicht gewesen, sonst wäre ihm ja seine Bombe nicht auf seinem Rücken abgefackelt. Aber durch den Eintrag in die Terrordatenbank war Florian gezwungen, neu über einen Terroranschlag nachzudenken. Obwohl er das gar nicht so recht glauben wollte. Irgendetwas in seinem Bauch sträubte sich dagegen.

***

»Na, wie weit sind Sie?«
Kühne blickte Florian fordernd mit funkelnden Augen an. »Wir müssen von einem Terroranschlag ausgehen. Vielleicht sogar mit islamistischem Hintergrund.«
Kühne lächelte und Florian konnte die Zufriedenheit in den Augenwinkels seines Vorgesetzten erkennen.. »Dann kommen Sie also diesmal voran?«
In der Vergangenheit war Florian mit Kühne ausgekommen, aber seitdem er den Fall bearbeitete, den er für sich als »Hegau in rechter Verfassung« bezeichnete, hatte er ein massives Problem mit Kühne. »Natürlich komme ich voran. Wie immer.«
Er hasste die Anspielung von Kühne auf den anderen Fall, an dem er gerade arbeitete und nicht weiter kam. Kühne hob nur die Augenbrauen, lief dann wortlos weiter und ließ Florian alleine im Flur vor seinem Büro stehen.
Florian hatte inzwischen die vom Klinikum die Information erhalten, dass Czarnecki inzwischen wach und ansprechbar war. Um in die Tiefgarage zu kommen, nahm er sportlich das Treppenhaus. Mit seinem silberfarbener Audi A4 fuhr er zum Hegau-Klinikum. An der Anmeldung erhielt er die Auskunft, dass Czarnecki im ersten Stock auf dem Zimmer 114 liegen würde. Er nahm das Treppenhaus und sah im Flur einen verlassenen Stuhl stehen. Auf ihm sollte eigentlich ein Kollege sitzen und Czarnecki bewachen.
Florian ging davon aus, dass der Kollege mal hatte müssen müssen und betrat das Krankenzimmer. Czarnecki lag im Krankenbett auf dem Bauch, die Bettdecke war zurückgeschlagen. Der nackte Rücken war mit einem großen Wundverband abgedeckt. Schmerzverzerrt hob Czarnecki seinen Kopf und blickte gequält zu Florian. »Bulle, wa?«, fragte er.
Erschöpft ließ er seinen Kopf wieder sinken. »Ja, und Sie sind …?«
»Idiot. Das wissen Sie doch.«
Florian grinste. »Ich dachte, Sie heißen Czarnecki. Aber wenn Sie darauf bestehen, nenn ich Sie auch gerne Idiot.«
»Arsch.«
»Von mir aus auch Arsch. Aber ich glaube, wir sollten doch bei Czarnecki bleiben. Also: Machen wir es kurz und schmerzlos: Weshalb wollten Sie eine Bombe legen?«
»Soll das ein Witz sein mit dem ›schmerzlos‹, oder was?«
»Mein Mitleid hält sich ehrlich gesagt in Grenzen. Würden Sie jetzt bitte meine Frage beantworten?«
»Was für eine Bombe? Ich hatte etwas Benzin im Rucksack und noch Bastelzubehör. Irgendwie muss das Zeugs einen Funken abbekommen haben, dann hat das Zeugs losgebrannt. Jetzt weiß ich auch, wie sich ein Hähnchen auf dem Grill fühlen muss.«
»Ach, das war gar keine Bombe?«
»Ich habe keine Ahnung davon, was Sie meinen. Ich wollte mir zuhause einen neuen Grill bauen. Ganz neues Modell und so. Und das wollte ich zum Patent anmelden.«
»Sorry. Können wir das Ganze abkürzen? Oder muss ich noch extra erwähnen, dass ich Ihnen die Story nicht abnehme?«
Czarnecki hob wieder seinen Kopf und grinste Florian mühsam an. »Es geht nicht darum, was Sie glauben. Es geht darum, was Sie mir beweisen können. Und das ist – nichts. Also tun Sie mir den Gefallen und nutzen Ihre Zeit sinnvoll. Mir sind meine Steuergelder, die ich für Sie zahlen muss, zu schade, als dass Sie sich mit mir beschäftigen.«
»Ich würde mich auch lieber mit intelligenteren Verbrechern abgeben und nicht immer nur mit Idioten, aber leider sieht das der Staatsanwalt anders. Machen wir weiter: Sie hatten in Syrien eine Ausbildung zum Bombenbau?«
Czarnecki blickte nun Florian total überrascht an. Florian konnte den Schreck in den Augen von Czarnecki erkennen, den er mit dieser Frage ausgelöst hatte. Nach einer Schrecksekunde antwortete Czarnecki mehr zu sich selbst: »Ach du Scheiße. Jetzt ist mir alles klar.« Dann konzentrierte er sich darauf, den Blickkontakt zu Florian aufrechtzuerhalten. Mit Sicherheit strengte es ihn enorm an, den Kopf oben zu behalten, wie Florian am Zittern des Kopfes feststellen konnte. »Hey, vergessen Sie das ganz schnell. Ich bin kein Terrorist, klar?«
»Immer, wenn Sie mir nicht auf meine Frage antworten, werte ich das als Zustimmung. Dann können wir ja weiter machen. Hatten Sie in Syrien Kampferfahrung gewinnen können?«
Czarnecki erregte sich nun richtig. Sein Gesicht war knallrot, die Halsschlagader schien zu platzen und Florian überlegte kurz, ob er eine Krankenschwester benötigen würde, um einem Schlaganfall oder so etwas Ähnliches vorzubeugen. Die Stimme von Czarnecki zitterte, als er losbrüllte. »Nicht alle, die nach Syrien gehen, sind Terroristen, Mann. Es gibt auch noch etwas Anderes als Terroristen. Es gibt auch noch die Guten. Aber solche Beamte, wie Sie es sind, werden das nie verstehen. Ab sofort sag ich nichts mehr ohne meinen Tui.« Florian war verdutzt und ihm rutschte ein flapsiges »Hä?« heraus. Czarnecki hatte inzwischen wieder seinen Kopf auf dicke Kissen gelegt, das Gesicht nach unten. Dann fiel Florian die Werbung des Reiseveranstalters ein und er verstand, dass nun nichts mehr ohne einen Anwalt laufen würde.
»Witzig. Wir sehen uns dann wieder, wenn Sie hier entlassen werden. Dann bekommen Sie nämlich ein Hotelzimmer in Luxusausführung vom Staat, direkt unter meinem Büro – im Keller.«
Florian verließ das Zimmer. Inzwischen saß ein Polizist in Uniform auf den vorhin verlassenen Stuhl. Dieser war total überrascht davon, dass Florian aus dem Zimmer kam, welches er hätte bewachen müssen. Florian wollte ihm nur zunicken und an ihm vorbei laufen, doch er stellte sich ihm sofort in den Weg. »Stopp. Wer sind Sie?«
Eine Zigarettenwolke umgab den Polizisten. »Idiot«, antwortete Florian nur und wollte an dem Polizisten vorbei.
»Okay. Ihren Vornamen weiß ich nun. Und der Nachname?«
Genervt und wortlos zückte Florian seinen Dienstausweis. Der Polizist zuckte zusammen. »Oh. Entschuldigung. Ich war vorhin nur ganz kurz …«
»Vergessen Sie’s. Schöner Tag noch.«
Auf dem Weg vom Krankenhausgebäude zum Parkplatz rief Florian mit dem Handy seinen Chef an. »Ich habe gerade mit Czarnecki sprechen können. Er bestätigt, dass er in Syrien war. Vermutlich hat er dort das Bombenbauen gelernt, auch wenn er es abstreitet. Wir müssen von einem islamistischen Terroranschlag ausgehen. Keine Ahnung, wieso ausgerechnet so einer wie Czarnecki auf die Idee kommt, sich für so etwas missbrauchen zu lassen. Aber das werde ich die nächsten Tage herausbekommen.«

***

»Horn. Reinkommen!«, brüllte Kühne aus seinem Büro heraus, als sich Florian am Morgen daran vorbeischleichen wollte, um in sein Büro zu gelangen. Nicht, dass Florian ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Aber auch er hatte den Südboten gelesen, der in großen Schlagzeilen darüber wetterte, dass der Bombenleger vom Bahnhof immer noch nicht unter Anklage stehen würde und dass die Polizei – wie immer – mal wieder wegsehen würde. Dabei sei die Faktenlage klar: Der Täter sei in Syrien zum Bombenbauer ausgebildet worden, war dort auch im Kampfgebiet und war als ›Schläfer‹ nach Deutschland zurückgekehrt. »Wieso ist der Czarnecki noch nicht angeklagt? Ich dachte, wenigstens das haben Sie inzwischen erledigt.«
»Mach ich ja, heute.« Florian hasste es, sich darüber rechtfertigen zu müssen, weshalb er was noch nicht getan hatte. Alles wäre in Ordnung gewesen, hätte das Schmierblatt von Südboten nicht mal wieder sein Gift verspritzt. »Ich finde es bedenklich, wenn der Südbote uns die Beweise recherchiert.«
»Die hatte ich selbst. Dazu brauche ich keinen Südboten.«
»Ach. Und warum gehen die Akten dann nicht zum Staatsanwalt?«
»Darf ich jetzt gehen? Dann kann ich auch noch was arbeiten.«
»Gute Idee, Horn, gute Idee. Wenn der Südbote auf uns Polizei rumhackt, dann immer nur wegen Ihnen. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen?«
»Jetzt, wo Sie es sagen.« Florian verließ das Büro, setzte sich an seinen eigenen Schreibtisch und suchte sich als Erstes die Nummer der Südbotenredaktion heraus. »Horn hier, Kriminalpolizei Singen. Ich hätte gerne den verantwortlichen Journalisten für Ihren Artikel gesprochen.« Die freundliche Dame am Telefon verband ihn. Florian war kurz überrascht, als eine Frauenstimme ihn begrüßte. »Herr Horn? Das freut mich aber, dass Sie persönlich anrufen. Mein Name ist Metzger. Sandra Metzger. Was kann ich für Sie tun?«
»Wir kennen uns?« Die Metzger lachte. »Nein. Sie kennen mich nicht. Aber ich stoße bei so mancher Recherche immer wieder auf Ihren Namen. Zum Beispiel war ich es, der den Artikel über den Fall ›Der Hohentwiel, ganz rechts‹ geschrieben habe.«
»Ach …«
»Gute Arbeit, die Sie gemacht haben, das muss ich sagen.«
»Ja, äh, danke. Der Artikel von Ihnen hat mir damals auch gefallen gehabt. An den kann ich mich noch erinnern. Aber der Heutige gefällt mir dafür gar nicht.«
Wieder lachte die Metzger, diesmal richtig lauthals. »Ach, Herr Horn. Stempeln Sie die Geschichte ab als: ›Die müssen Ihre Zeitung ja auch irgendwie mit irgendwas Reißerischem füllen‹. Hier in der Gegend passiert ja sonst nichts. Was soll ich denn schreiben, damit unsere Zeitung gekauft wird?«
»Die Wahrheit vielleicht?«
»Habe ich das nicht?«
»Nein. Sie sagen, die Polizei würde wegschauen und nichts tun. Ich hoffe, es wundert Sie nicht, wenn ich das anders sehe.« Florian war über sich selbst verblüfft. Eigentlich war er auf den Südboten stinksauer. Aber die Stimme dieser Metzger war ihm äußerst sympathisch und Florian schaffte es nicht, die Metzger ›rund‹ zu machen und bei ihr Dampf abzulassen. Das Gespräch führte Florian in einer äußerst ruhigen Tonlage. Mit ihrer sympathischen Stimme erklärte die Metzger: »So böse habe ich das doch gar nicht gemeint. Der Bombenleger lässt es sich im Krankenhaus gut gehen und der Staatsanwalt weiß offiziell noch nicht einmal davon, dass es einen Bombenanschlag hätte geben sollen. Natürlich weiß er es inzwischen, aber nur aufgrund unseres Berichtes. Und ich glaube, Staatsanwälte mögen es gar nicht, so etwas aus der Zeitung zu erfahren.«
Florian wurde ganz heiß und kalt. Die Metzger hatte recht. Florian hatte noch gar nicht daran gedacht, wegen eines brennenden Rucksackes den Staatsanwalt offiziell zu informieren. Das war das berühmte Fettnäpfchen, dass er wohl nie auslassen würde.
»Sie schreiben, als seien Sie sicher, dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln sollte. Wie kommen Sie darauf?«, setzte Florian das Gespräch auf einer möglichst sachlichen Ebene fort. Die Stimmlage der Metzger wurde nun sehr nüchtern, blieb aber weiterhin sehr freundlich. »Ich konnte die letzten Monate von diesem Czarnecki nachvollziehen. Aber das haben Sie wahrscheinlich auch gemacht. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich gebe Ihnen meine Informationen, und Sie die Ihrigen. Einverstanden?«
»Gebongt.« Bei der Antwort hatte Florian ein schlechtes Gewissen. Er vermutete, dass die Metzger wahrscheinlich mehr Informationen als Florian aus dem Hut zaubern würde. »Also, ich weiß, dass Czarnecki hier in Singen Fliesenleger war. Der Laden, in dem er arbeitete, machte vor etwa zwei Jahren pleite. Czarnecki fand nichts Neues, lebte dann von der Arbeitslosenversicherung, dann von Harz IV. Entweder, er hat sich auf einem Weg um Arbeit bemüht, den ich noch nicht recherchieren konnte. Oder er hatte sich nur sehr spärlich nach neuer Arbeit bemüht. Wie auch immer: Vor einem dreiviertel Jahr war er dann nach Syrien geflogen. Ich weiß, dass er sich dort ein Prepaid-Handy besorgt hatte. Dann ist er nachweislich mit einem Pick-up in das Krisengebiet gefahren und erst nach drei Monaten dort wieder aufgetaucht. Anschließend blieb noch kurz in Syrien und ist dann wieder zu uns gekommen.« »
Und das soll ich Ihnen glauben?«
Die Metzger lachte wieder. »Sie haben noch keinen Plan, oder?«
»Czarnecki streitet ab, dass er ein Islamist sei. Und im Allgemeinen stehen die Radikalen eigentlich dazu, wenn sie uns mit ihren Anschlägen treffen wollen.«
»Aha. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir treffen uns im Extrablatt; Sie laden mich auf einen Kaffee ein, und ich gebe Ihnen die Informationen, die ich habe. Dafür bekomme ich später die Exklusivrechte für einen Bericht. Einverstanden?“
Florian überlegte kurz, aber er hatte keine wirkliche Alternative. Das war durchaus eine Möglichkeit, schnell den Fall ad acta legen zu können. Und wenn dann der Südbote durch ihn einen wahrheitsgemäßen Artikel erstellen würde, dann wäre ja allen geholfen. Daher fiel es ihm nicht besonders schwer, zuzusagen.
Am nächsten Morgen, als Florian aufgestanden und sich in der Küche einen Kaffee holen wollte, saß Sabine schon am Küchentisch und las aufmerksam den Südboten. »Guten Morgen, Schatz. Na, gibt es interessante Neuigkeiten?« Sabine antwortete nicht; sie war in irgendeinem Artikel vertieft. Erst, als das Mahlwerk des Kaffeevollautomaten die Kaffeebohnen quälte, schaute sie auf. »Guten Morgen. Hattest du etwas gesagt?«
Florian nahm sich seine Tasse und sog mit seiner Nase den Duft des Kaffees ein. Er lief zu ihr, um ihr von hinten einen Schmatz auf ihren Hinterkopf zu drücken. Dann setzte er sich ihr gegenüber an den Tisch. »Ach, ich hatte dich nur gefragt, ob es etwas Interessantes gibt.«
»Hier ist ein Interview von dem Vorsitzenden der Retail Trade Organization RTO drin. Er diskutiert über die geplante Shopping Mall am Hauptbahnhof.«
»Und?«
»Nichts und.«
Florian schlürfte genüsslich seinen Kaffee. »Dafür warst du aber ganz schön vertieft.«
»Ach. Der Typ hat einen an der Klatsche. Seine Sprache ist komplett aus der Militärszene entnommen.«
»Wie meinst du das?«
»Na ja, dass er von Krieg gegen den Einzelhandel spricht, so etwas ist ja heutzutage Umgangssprache. Aber seine Ausdrucksweise geht eindeutig darüber hinaus.«
»Beispiele, bitte!«
Florian war nun äußerst interessiert. »Na, er sagt beispielsweise, zwischen der RTO und dem Einzelhandelsverband Südwest seien durch die Pläne des Berliner Großinvestors tiefe Gräben aufgekommen. Der Oberbürgermeister wäre gut beraten, sich nicht zwischen die Fronten zu stellen. Er selbst würde nun scharfes Geschütz auffahren, um seine Interessensgemeinschaft zu verteidigen und er sei sich sicher, dass demnächst die Fronten geklärt und das Feld bereinigt sei. Dann beschimpft er wieder den Bürgermeister, er sei ein Spätzünder, der nicht klar Stellung zu seiner Stadt beziehen könne und so weiter und so fort.«
»Hat er ›Spätzünder‹ gesagt?«
Sabine lachte. »Ja. Weiter sagt er, dass er, Christian Egger, jederzeit Gewehr-bei-Fuß stehen würde, um alles dafür zu tun, dass die Shopping Mall verhindert werden wird. Und dieses Interview sei der erste Schritt in seinem Plan. Die Abwehrschlacht gegen den Berliner Großinvestor würde nun anlaufen. Für mich sind das ein bisschen zu viele Ansammlungen aus der Kriegssprache. Der Mann ist gewalttätig.«
»Steht eigentlich was wegen dem Bombenanschlag in der Zeitung?«
Sabine schüttelte den Kopf, blätterte aber zur Sicherheit noch etwas im Südboten herum, um vielleicht doch einen Artikel oder einen Bericht darüber zu finden. Doch die Suche war ergebnislos. Sie zuckte mit den Schultern. »Na, dann gehe ich mal ins Büro. Was machst du noch so, heute?«, fragte Florian.
»Die Polizeidirektion Konstanz hat mich doch wegen dem eines psychologischen Gutachten beauftragt. Das sollte ich so langsam mal fertigbekommen.«

***

Der Gegner lag auf dem Rücken, oben drauf befand sich kniend Florian. Schweiß rannte Florian wie ein wahrer Sturzbach die Stirn herunter und tropfte seinen Gegner ins Gesicht. Beide keuchten und rangen nach Luft. Beide waren am Ende ihrer Kräfte. Langsam schoben sich Florians Hände unhaltsam immer weiter in den Kragen seines Gegners hinein. Der wusste genau, was Florian vorhatte und versuchte verzweifelt, sich dagegen zu wehren.

Florian konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken. Er war zu kräftig und zu durchtrainiert, als dass sein Gegner sich hätte noch wehren können, obwohl Florians Gegner, Dieter, ebenfalls gut in Form war. Als die Hände von Florian tief genug im Kragen des Gegners versenkt waren, zog er den Kragen zu. Dieter bekam keine Luft mehr und gab den Wettkampf auf, indem er kraftlos mit seiner Hand zweimal an die Schulter von Florian klopfte. Florian ließ sofort los. Von einem Ohr zum anderen grinsend, aber nach Luft japsend, stand er auf und half seinem Sportkameraden ebenfalls auf die Beine. Beide richteten ihren Judoanzug. Der schwarze Gürtel am Judoanzug von Florians Sportkamerad Dieter war beim Kämpfen aufgegangen gewesen, so dass dieser ihn erst wieder binden musste. Noch leicht keuchend fing Dieter das Gespräch an. »Sag mal. Ich habe gehört, wir hatten in Singen einen Bombenanschlag?« Florian lachte. »Ja, so was in der Art war das wohl. Das ging aber gründlich schief.«
»Und der Bombenleger sei immer noch nicht verhaftet?«
»Stimmt. Dazu fehlen noch die Beweise.«
»Kennst Du den Fall?«
»Ja, wohl. Es ist meiner. Ich bin da dran.«
»Echt? Florian! Du musst doch den Kerl verhaften. Es kann doch nicht sein, dass hier ein Bombenleger frei rum läuft.«
Florian lief zum Mattenrand, fischte sich sein Handtuch aus der Sporttasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Eigentlich wollte sich nicht in seiner Freizeit mit solchen Themen beschäftigen. Dennoch ließ er sich auf diese Diskussion ein. »Er läuft nicht frei rum; er liegt bewacht im Krankenhaus.«
»Ja, aber ich habe gelesen, dass er immer noch nicht angeklagt ist.«
»Wegen was denn, bitte schön? Weil er sich einen brennenden Rucksack auf den Rücken schnallt? Und das, was im Rucksack war, hätte zwar eine Bombe sein können, aber auch etwas anderes. Das ist nicht mehr nachzuvollziehen.«
»Ich bin echt enttäuscht von dir. Jetzt lässt du ihn laufen, oder was?«
»Nein. Aber ich habe Zeit. Es dauert noch etwas, bis er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Und die Beweislage deutet langsam auf einen Terroranschlag hin. Keine Angst. Ich kriege ihn schon noch dran.«
»Na hoffentlich.«
Kaum war Florian im Büro, stand schon seine Kollegin, Petra, in der Türe. »Florian, wo bleibst du denn? Das Telefon steht nicht mehr still. Der Südbote, der Landrat, der Bürgermeister. Alle wollen sie wissen, wie es jetzt mit dem Bombenleger weiter geht.«
»Ich habe von einer Journalistin die Unterlagen bekommen, die beweisen, dass unser Bombenleger ein islamistischer Terrorist ist. Er wird morgen aus dem Krankenhaus entlassen, dann übernehme ich ihn, verhafte ihn und schleife ihn zum Staatsanwalt.«
»Mir ist das egal, was du machst. Aber im Moment landen alle Telefonate bei mir. Und ich höre kein anderes Thema mehr. Jeder will endlich den Typ verhaftet wissen.«
»Das mache ich dann morgen.«
»Dann tu das. Bitte!«

***

Sabine war schon im Bett, Florian saß am Computer und betrachtete fasziniert das Youtube-Video. Immer und immer wieder ließ er es laufen. Schließlich gab er den Link in einen Onlineconverter ein, damit er sich das Video auf die Festplatte laden konnte. Zwei Minuten später speicherte er das Video auf seine Festplatte und ließ über den Videoplayer das Video ablaufen. Immer wieder betrachtete es, stoppte es, betrachtete sich das Standbild, um es dann weiter laufen zu lassen. Das Video zeigte eine Wüstenlandschaft mit einem Strom von Menschen in ärmlicher zerrissener Kleidung. Kleine Kinder, die an der Hand ihrer Mütter geführt wurden, um nicht endgültig verloren zu gehen. Müde sahen diese Menschen aus. Und erschöpft. Schrecken standen in den Gesichtern und Florian konnte das Elend, welches die Menschen erlebt haben, direkt an deren Gesichtsausdrücken erkennen. Das Video zeigte, wie alte Menschen kraftlos niederstürzten, sich nicht mehr halten konnten, wie Mütter mit Babys im Arm vor Erschöpfung zusammenbrachen. Das Video war ein Zusammenschnitt eines Handyvideos, welches den Flüchtlingsstrom in Syrien zeigte; wie die Menschen vor den Kriegern des sogenannten Islamischen Staates IS flohen. Immer wieder tauchten kräftige Männer auf, die den erschöpften Menschen halfen, indem sie die Kinder übernahmen und beim Tragen halfen oder Wasser verteilten. Und mittendrin Czarnecki, der eifrig dabei war, den Frauen, Kindern und alten Greisen bei ihrer Flucht zu helfen. Florian hielt das Video an und speicherte ein Standbild, auf dem groß das Gesicht und der Hals von Czarnecki zu sehen war. Eindeutig erkannte Florian den tätowierten Schlagring am Hals von Czarnecki. Mit diesem Foto würde er morgen im Büro ein Vergleich machen wollen, ob es sich bei dieser Videoaufnahme tatsächlich um Czarnecki handelte. Aber Florian war sich jetzt schon ziemlich sicher. Das Halstattoo hatte er gleich wiedererkannt. Und der Rest des Gesichtes passte auch. Czarnecki war also tatsächlich in Syrien gewesen; aber er war nicht zur Ausbildung als Terrorist dort gewesen, sondern als Fluchthelfer.

***

»Danke, Herr Horn, dass Sie mir dieses Interview gönnen.«
»Na ja, versprochen ist versprochen. Sie hatten mir ja ihre Beweise übergeben gehabt, die mir allerdings nicht wirklich geholfen hatten. Beinahe wäre ich in eine falsche Richtung marschiert. Und ich hoffe, ich komme jetzt nicht in Teufels Küche. Normalerweise müsste das Interview unser Pressesprecher machen. Ich mache das deswegen, weil ich auf eine gute Zusammenarbeit hoffe. Aber jetzt starten wir einfach mal.«
»Weshalb konnten Sie mit meinen Unterlagen nichts anfangen?«
»Sie waren schon richtig recherchiert. Aber unvollständig. Czarnecki war in Syrien, das war richtig. Aber er war als Fluchthelfer dort. Er hat den Menschen dort bei der Flucht geholfen.«
»Oh. Aber er hat doch die Bombe am Bahnhofsareal legen wollen, oder nicht?«
»Das schon. Aber nicht mit einem terrorostischen Hintergrund, sondern aus einem rein kommerziellen Grund. Er wurde dafür bezahlt. Und ich vermute, da er derzeit arbeitslos ist, hat er schlicht und einfach das Geld gebraucht.«
»Na, ob Terrorismus oder Auftragskiller, er ist und bleibt ein Schwein.«
»Herr Czarnecki ist inzwischen verhaftet und ich werde ihn morgen der Staatsanwaltschaft vorstellen.«
»Wissen Sie schon, wer sein Auftraggeber war?«
Florian nickte. »Offensichtlich hat der Vorsitzende der Retail Trade Organization RTO seine Aufgabe etwas zu ernst genommen. Er wollte diesen Investor, der diese Shopping-Mall bauen möchte, einschüchtern. Er wollte Glauben machen, dass Singen ein äußerst unsicheres Pflaster ist, damit der Investor seine Pläne an diesem neuen Einkaufszentrum aufgibt und …«
»Das ist ja pervers.«
»Tja, man kann in die Menschen nicht hineinschauen.« Die Metzger überlegte kurz. »Und wie sind Sie darauf gekommen?«
»Anlass war eigentlich eine Diskussion mit meiner Frau, die auch als Polizeipsychologin arbeitet. In einem Interview, das übrigens in Ihrem Blatt abgedruckt worden war, hatte sie eine ungewöhnliche Aggressivität von diesem Vorsitzenden herausgelesen. Irgendwann kam ich auf die Idee, mir mal die Kontobewegungen der Beteiligten anzuschauen. Und da kam der Zusammenhang heraus.«
»Ist dieser Vorsitzender, ich glaube, Egger hieß er, schon verhaftet?«
»Verhaftet und angeklagt. Heute Morgen haben wir ihn festgenommen. Er ist äußerst geständig und gibt alles zu. Ich vermute, dass es sein Glück ist, dass bei diesem Anschlag kein Mensch zu Schaden gekommen war. Wahrscheinlich wird es zu einem recht milden Urteil kommen – es ist nichts passiert, er ist geständig – was will man mehr …«
»Dann wird das Areal jetzt gebaut werden?«
Florian lachte. »Was fragen Sie das mich? Fragen Sie den Oberbürgermeister oder den Gemeinderat!« »Sind Sie für oder gegen ein Einkaufszentrum?«
Wieder lachte Florian. »Frau Metzger, ich glaube, Ihnen gehen gerade die Fragen aus. Ich denke, wir sind mit dem Interview durch, oder?«
Florian wollte aufstehen, da legte die Journalistin schnell noch ihre Hand auf die Oberschenkel von Florian, um ihm zum Sitzenbleiben zu ermuntern. »Warten Sie. Eine Frage habe ich noch: Was machen Sie heute Abend?«
Florian war kurz verdutzt, antwortete aber prompt: »Ich bin heute Abend mit meiner Frau und mit meiner kleinen Tochter zusammen. Weshalb?«
Die Metzger schaute kurz enttäuscht, lächelte aber bei ihrer Antwort. »Ach, nur so. War nur so eine Idee von mir. Tut mir leid. Ich vergaß, dass Sie verheiratet sind. Sind Sie glücklich verheiratet?«
Florian grinste. »Wenn Sie wüssten, wie glücklich. Ich hatte gerade meine Frau verloren und nun wiedergefunden. Ich bin froh, dass wir wieder zusammen sind. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie Ihnen einmal. So. Jetzt muss ich aber. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
Florian stand nun endgültig auf, reichte ihr die Hand und verabschiedete sich.

***

»So. Czarnecki. Jetzt erzählen Sie mal. Egger hat Ihnen also Geld geboten, dafür, dass Sie die Bombe legen?«
Florian saß um Verhörzimmer des Polizeigebäudes. Ihm gegenüber saß Czarnecki, blass, eingeschüchtert und geständig. Florian hatte ihm im Vorfeld erklärt, dass Egger verhaftet worden war und dieser bereits alles gestanden hatte. Florian ging es nun darum, die Wahrheit zu erfahren. Wie hart das Urteil ausfallen würde, war nicht Florians Job. Er war nicht daran interessiert, für milde oder harte Urteile zu sorgen. Ihm ging es um die Wahrheit. Und da erschien es ihm am besten, wenn er Czarnecki darüber informierte, dass er sowieso schon bereits alles wusste. »Ja«, antwortete Czarnecki zögerlich. Noch tat er sich schwer, seinen Auftraggeber in die Pfanne zu hauen. Doch war sich Florian sicher, dass er demnächst reden würde. Es ist letztendlich nur eine Gewohnheit. Hat man erst einmal mit dem Geständnis angefangen, erzählt man auch den Rest. »Er hat Ihnen auch gesagt, wohin?«
»Ja. Direkt neben dem Eingang des Schuhladens.«
›Na also‹, dachte Florian für sich, ›der Czarnecki kommt in den Redefluss hinein.‹
»Wie kam er auf Sie?«
»Er wusste, dass ich weiß, wie man Bomben baut und er wusste, dass ich arbeitslos bin. Ich bin blank. Mit Harz IV macht man nicht wirklich große Sprünge, wissen Sie?«
Das konnte sich Florian durchaus vorstellen. »Wie viel hat er Ihnen geboten?«
»Fünf Riesen. Das ist ne Menge Zaster für mich.«
»Und Ihnen war egal, dass Menschen drauf gehen können?« Nun schaute Czarnecki Florian zornig an und stemmte beide Hände auf den Tisch, auf dem sich auch ein Mikrofon befand, das gerade das Gespräch aufzeichnete. »Was soll ich jetzt sagen? Werden Sie mir glauben, dass mir das nicht egal war? Und spielt das für meine Verurteilung überhaupt eine Rolle?«
»Herr Czarnecki. Mir geht es nicht um die Verurteilung. Das macht der Richter. Ich möchte den Hergang verstehen. Und ob ich Ihnen glaube oder nicht, hängt davon ab, wie plausibel Sie mir Ihre Sichtweise erklären.«
»Ich hatte Ihnen erzählt, dass ich weiß, wie man Bomben baut; deswegen hatte mich der Egger doch gefragt.«
»Und woher haben Sie die Kenntnisse?«
»Ich bin ausgebildeter Sprengmeister. Und mit dem Dynamit habe ich früher noch rumexperimentiert gehabt. Da kenne ich mich halt einfach aus.«
»Sie weichen meiner Frage aus: Für das Geld war es Ihnen egal, dass Menschen getötet werden können?«
»Nein. Ich wollte eine Bombe bauen, die keinen Schaden anrichten kann. Und genau damit kenne ich mich eben nicht aus. Deswegen ging das schief. Das blöde Ding hat bald angefangen zu brennen. Ich kenn mich halt nicht aus mit dem Bau von Bomben, die nicht explodieren sollen.«
In Florin tat sich so etwas mit Mitleid auf. Czarnecki war es nicht egal gewesen, ob Menschen umkommen oder nicht. Wahrscheinlich war er ein herzensguter Kerl, der sogar nach Syrien gefahren war, um dort Menschen in Not zu helfen. Nur alleine vom Helfen kann man auch nicht leben. Und durch seine Arbeitslosigkeit war das Anbot von Egger zu verlockend gewesen, wieder mal an Kohle zu kommen. Florian ließ Czarnecki abführen. Er hatte, was er für den Staatsanwalt brauchte. Florian konnte nur noch hoffen, dass Czarnecki einem Richter vorgeführt werden würde, der ihm wohlgesonnen war.
Florian wollte gerade in sein Büro, als aus Kühnes Büro dessen Stimme tönte. »Horn. Wie weit sind Sie jetzt eigentlich am Mordfall von dem Mädchen von der Homburg?«
»Da bin ich noch dran.«
»Donnerwetter noch einmal. Erst sagen Sie, dass das kein Unfall, sondern Mord war, und jetzt bringen Sie mir keine Beweise.«
»Oh, doch. Die liefere ich Ihnen, bald. Versprochen.«